Was ist Psychotherapie?


Was ist Psychotherapie?

Psychische Erkrankungen sind Ursache für einen beträchtlichen Teil von Krankschreibungen. Psychische Störungen sind kein „Charakterfehler“ sondern behandlungsbedürftige Krankheiten. Psychotherapie ist eine professionelle Maßnahme, mit deren Einsatz eine Hilfe benötigende Person bei der Lösung ihrer psychischen Probleme unterstützt wird. Bei allen Methoden steht der verbale Ausdruck von Gedanken und Gefühle im Vordergrund.

Psychotherapie kommt bei psychischen und psychosomatischen Störungen zum Einsatz. Immer häufiger werden auch in der Rehabilitation und in der Behandlung von chronisch Kranken die Erkenntnisse und Methoden der Psychotherapie genutzt.

Das Grundlagenwissen für Psychotherapie stellt die Psychologie und teilweise auch die Medizin (Psychiatrie, Neurologie) zur Verfügung. In der klinischen Psychologie werden die Störungsbilder genau beschrieben und die Diagnosekriterien entwickelt. Es werden die auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen für eine psychische Störung, die Verbreitung der Krankheit in der Gesellschaft und die Grundlagen der Therapie erforscht und gelehrt.

Die Psychologie ist die Wissenschaft von der Seele und befasst sich mit dem Erleben und Verhalten von Menschen. Sie beschäftigt sich weniger mit den spirituellen Aspekten der Seele, das macht die Theologie. Sie erforscht auch nicht körperlich bedingte seelische Probleme, dafür ist eher die Medizin zuständig. Auch andere Wissenschaften wie die Soziologie, die Pädagogik oder die Chemie bringen Erkenntnisse ein, die nützlich sind. Gerade weil die unterschiedlichen Disziplinen nebeneinander bestehen, ist es wichtig, den Menschen, der Hilfe sucht, als Einheit und als Ganzes zu sehen und dies als Leitbild bei jeder Art von Therapie vor Augen zu haben.

Die Psychotherapie stellt ein Anwendungsgebiet dar, das seine Theorien entwickeln und die Wirksamkeit seiner Methoden aus der Praxis heraus nachweisen muss. Im Laufe der Zeit haben sich unterschiedliche Therapierichtungen wie Psychoanalyse, Verhaltenstherapie oder Gestalttherapie entwickelt, die über eigenständige Theoriemodelle und Methoden verfügen. Häufig wird ausdrücklich von »Gesprächspsychotherapie« statt von »Psychotherapie« gesprochen. In Abgrenzung zur medizinischen Behandlung wird damit signalisiert, dass der Schwerpunkt nicht auf Medikamenten liegt, sondern auf Gesprächen. Allerdings müssen die Klienten und Klientinnen meistens selbst herausfinden, welche Art von Psychotherapie sie brauchen und wo sie diese finden können.
Wirkfaktoren der Psychotherapie

Jede Therapieschule hat ihre eigenen Theorien über die Entstehung und Behandlung psychischer Störungen. Am Anfang waren Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen bemüht, das jeweilige Profil ihrer Therapierichtung deutlich zu machen und die Unterschiede der Wirkungsweisen zu betonen. In den letzten Jahren konzentrierte sich die Psychotherapieforschung aber verstärkt auf die Bestimmung jener Faktoren, die über alle ­Therapieschulen hinweg einen Einfluss auf die positive Veränderung und Entwicklung der Klient/innen haben.

Wiederentdeckung der eigenen Fähigkeiten

»Als ich mit der Therapie angefangen habe, war ich davon überzeugt, ein totaler Versager zu sein. Wie der letzte Depp hab ich mich gefühlt. Bei mir ist nichts mehr zu retten, hab ich gedacht. Zuerst hat der Therapeut sich das alles angehört und dann hat er mich gefragt, ob es denn nicht irgendeine Kleinigkeit gibt in meinem Leben, die ich gut gemacht hab oder mit der ich zufrieden bin. Es hat wirklich was gegeben und der Therapeut hat das gut gefunden, und ich hab angefangen zu glauben, dass doch vieles okay ist an mir und meinem Leben.«

Wenn es dem Klienten am Anfang gelingt, Vertrauen und Hoffnung auf Veränderung zu entwickeln, entsteht eine Veränderungsmotivation. Der Therapeut braucht das nicht dem Zufall zu überlassen, sondern kann Einfluss darauf nehmen, dass diese Ansatzpunkte für Veränderungen tatsächlich angestoßen werden und die Therapie in Gang kommt. Die Suche und Bestärkung der bestehenden Fähigkeiten und Stärken, der Ressourcen des Klienten, fördern diesen Prozess. Es ist wichtig herauszufinden, wo der Klient ansetzen, auf welche Lösungsmuster er zurückgreifen kann. Es tut der therapeutischen Beziehung gut, wenn der Therapeut einerseits das Leid anerkennt und andererseits die »nützlichen« Anteile des Klienten verstärkt und daraus Bewältigungsstrategien entwickelt werden können. Die Psychotherapieforschung hat gezeigt, dass Therapien, in denen ressourcenaktivierend gearbeitet wird, bessere Ergebnisse aufweisen als die, in denen alles ständig um Probleme kreist.

Nähe zum konkreten Problem

»Mein Mann und ich haben uns in der Paartherapie erst mal genauso gestritten wie zu Hause. Die Therapeutin hat sich das eine Weile angeschaut und dann haben wir genau aufgedröselt, was mein Mann und ich da dauernd veranstalten. Wir haben dann direkt in der Sitzung darüber geredet und Vereinbarungen getroffen, was wir zu Hause in einer solchen Situation anders machen wollen.«

Es lässt sich belegen, dass Therapien besonders dann wirkungsvoll sind, wenn die Menschen ihre Probleme im Rahmen der Psychotherapie möglichst real erfahren. Das Paar erlebt den Konflikt direkt in der Sitzung. ­Alle Gefühle, Gedanken und Verhaltensmuster können unmittelbar nachgefragt und die Problemmuster erkannt werden. Je weniger »theoretisch« ein Klient über seine Probleme berichtet, je mehr er seine Befindlichkeit erlebt im therapeutischen Setting, desto wahrscheinlicher ist die Lösung des Problems. Deshalb ist es wichtig, dass die Therapiemethode über unterschiedliche Möglichkeiten verfügt, um ganz konkrete Auslöser, Beziehungsmuster, Situationen usw. herzustellen oder zu nutzen.

Aktive Hilfe zur Problembewältigung

»Ich habe nach dem Tod meines Mannes einfach nicht mehr weiter ­gewusst. Jeden Tag habe ich genau wie den anderen abgespult, weil ich Angst hatte, dass ich verrückt werde, wenn ich das nicht so mache. Die Therapeutin hat mit mir ganz konkret Varianten von Dingen, die ich früher gemacht habe, wieder in den Tagesablauf eingearbeitet. Jede Woche ein bisschen was anderes. Irgendwann bin ich dann aufgetaut und habe wieder angefangen am Leben teilzunehmen.«

Häufig kommen Klienten und erwarten ganz praktische »Rezepte«. Sie wollen genau wissen, was sie anders machen sollen, damit es ihnen wieder besser geht. Dieser Wunsch ist verständlich, aber die Erfüllung ist auch ein Roulettespiel. Was tut die Klientin, wenn das Rezept der Therapeutin nicht funktioniert? Die aktive Hilfe zur Problembewältigung setzt also eine ebenso aktive Arbeit der Klientin voraus.

Aktive Unterstützung muss immer an das anknüpfen, was die Klientin an eigenen Ressourcen mitbringt, in diesem Beispiel sind es die Dinge, die sie früher mit Freude getan hat. Je konkreter eine Hilfe ist, umso genauer muss sie vorher erarbeitet werden. Die Klientin musste sich zum Beispiel ­erinnern, welche Hobbys sie früher gepflegt hat, warum sie sie aufgegeben hat, sie musste herausfinden, ob etwas davon in ihren jetzigen Alltag ­passt und wie es eingebaut werden kann. Schließlich musste sie es ausprobieren. ­Aktive Hilfe zur Problembewältigung bedeutet für die Klientin nicht die möglichst getreue Befolgung therapeutischer Ratschläge, sondern die gemeinsame Entwicklung möglichst konkreter Maßnahmen.

Sich selbst besser verstehen

In der Psychoanalyse ist das Ziel von Anfang an weiter gefasst:

»Andauernd habe ich mich gefragt, warum ist das bei mir so. Warum denke ich dauernd, dass sie fremdgeht. Warum muss ich meiner Frau nachspionieren, obwohl ich doch weiß, wie sehr sie das kränkt. Ich habe mich dafür verachtet. In der Therapie habe ich dann vieles an Erlebnissen und Erfahrun­gen zusammengetragen und langsam begriffen, was für Verlustängste ich habe und wie viel Lebensangst daraus entstanden ist.«

Dem Bedürfnis nachzukommen, ein bestimmtes Erlebens- oder Verhaltensmuster zu verstehen, stellt häufig einen Teil der Lösung dar. In der Therapie hat der Klient die Möglichkeit, laut über sich nachzudenken, Unterstützung bei der Herstellung von Zusammenhängen seiner Kindheit, der Familiengeschichte, den zentralen Ereignissen seiner Lebensgeschichte, traumatischen Erlebnissen und der aktuellen Situation zu finden. Der Klient kann sich klar werden über die Motive seines Handelns, über die Wertmaßstäbe und die Leitsätze in seinem Leben. Es geht um einen Prozess der Selbstreflexion mit dem Ziel, sich so neu zu organisieren, dass die Befindlichkeit sich verbessert.
Kassenfinanzierte Psychotherapie

Da es sehr viele, mehr oder minder wirksame Angebote auf dem Psychotherapiemarkt gibt, hat der Gesetzgeber Kriterien für die Therapien vorgegeben, für die die Krankenkassen auch die Finanzierung übernehmen. Das Verfahren muss – nach den derzeit geltenden Methoden – wissenschaftlich überprüfbar und wirksam sein. Wenn es diesen Standards entspricht, dann wird es als sogenanntes Richtlinienverfahren anerkannt. Zurzeit werden nur Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen grundsätzlich die Finanzierung einer dieser Richtlinientherapien, wenn

§ die Therapie von einer qualifizierten Person mit entsprechendem ­Studium und einer Ausbildung in eben einer dieser Richtlinienverfahren (Approbation) durchgeführt wird,

§ die sozialrechtliche Zulassung durch die kassenärztliche Vereinigung besteht (Kassensitz) und

§ bei dem Hilfesuchenden eine diagnostizierbare Störung mit Krankheitswert vorliegt.

Für privat versicherte Personen gelten hinsichtlich der fachlichen Qualifikation (Approbation) ähnliche Regelungen wie bei den gesetzlich Versicherten. Allerdings unterscheidet sich das Antragsverfahren, und die sozialrechtliche Zulassung (Kassensitz) ist keine notwendige Bedingung für die Kostenübernahme.

In öffentlichen Beratungsstellen werden auch andere Verfahren angewendet wie systemische Familientherapie, klientenzentrierte Gesprächstherapie oder Gestalttherapie. Dort kann auch eine Pädagogin oder ein Sozialarbeiter mit entsprechender Ausbildung eine Therapie durchführen. Was sich Klienten auf dem freien Psychotherapiemarkt kaufen und selbst bezahlen, bleibt dem persönlichen Bedürfnis überlassen. Hierbei muss aber auf die Seriosität der Angebote geachtet werden. 
Wer darf eine kassenfinanzierte Psychotherapie durchführen?

Seit 1999 gibt es verbindliche Richtlinien zur Durchführung und Finanzierung von psychotherapeutischen Leistungen. Das ist in dem »Gesetz über die Berufe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten«, kurz PsychThG, geregelt. Wer über ein abgeschlossenes Psychologiestudium (Dipl.-Psych.) verfügt, und eine Therapieausbildung in einem Richtlinienverfahren bei einem staatlich anerkannten Ausbildungsinstitut vorweisen kann, erhält die Approbation, d. h. die berufsrechtliche Anerkennung. Auf der Basis dieses Gesetzes werden die Berufsbezeichnungen »Psychologische/r Psychotherapeut/in„ und »Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/in« festgelegt. Auch Mediziner/innen mit einer fachärztlichen Weiterbildung und einer Psychotherapieausbildung in einem Richtlinienverfahren können psychotherapeutisch tätig sein („Ärztliche Psychotherapeuten“). Die Approbation (Studium, Therapieausbildung) und die sozialrechtliche Zulassung (Kassensitz) berechtigen die psychologischen Psychotherapeut/innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut/innen und alle Arten von Fachärzt/innen mit Psychotherapieausbildung zur Abrechnung von psychotherapeutischen Leistungen mit den Krankenkassen. Unter diesen Bedingungen brauchen Klienten keine Überweisung, sondern können wie zum Facharzt auch direkt zur Psychotherapeutin ihrer Wahl gehen. Steht allerdings in absehbarer Zeit kein Therapieplatz bei zugelassenen Therapeut/innen zur Verfügung, können die Kosten für approbierte Therapeut/innen (Dipl.-Psych. mit Therapieausbildung) ohne Kassensitz im Einzelfall von den Krankenkassen erstattet werden.

Die Suche nach einem Therapieplatz

Die Suche nach einem Therapieplatz hängt ganz vom persönlichen Stil der Hilfesuchenden ab. Die Klient/innen haben freie Auswahl unter den zugelassenen Psychotherapeut/innen ihrer Region. Es steht ihnen auch frei, bei unterschiedlichen Psychotherapeut/innen Probegespräche zu führen.

Die Suche kann nach dem Zufallsprinzip ablaufen. Oft ist es jemand aus dem Bekanntenkreis, der gute Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht hat und sich auch traut, das öffentlich zu erzählen, der den Anstoß für die Suche nach einer Psychotherapeutin gibt. Über »Mundpropaganda« kommen die meisten Klient/innen in eine ambulante Praxis. Auch der Rat und die Empfehlung durch Haus- oder Fachärzt/innen, die öfter mit Therapeut/innen zusammenarbeiten, ist ein sinnvoller Zugangsweg zur Psychotherapie.

Möglich ist auch systematisch nach einem Therapieplatz zu suchen. Wer professionellen Rat möchte, kann sich an Berufsverbände, wie den »Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen« (BDP) wenden. Dieser bietet den Psychotherapie-Informations-Dienst (PID) an (Tel. 030 – 2 09 16 63 30), Homepage: www.psychotherapiesuche.de. Dort können bundesweit Adressen und Auskünfte über Spezialisierungen von Therapeut/innen abgefragt werden. Andere Berufsverbände (z. B. DGPT, DGV, DPTV) verfügen ebenfalls über Thera­peuten­listen, die auch über das Internet abgerufen werden können. Diese Informationen können allerdings immer nur so umfassend sein, wie die Meldung durch die Therapeut/innen stattfindet und vollständig ist.

Die Krankenkassen verfügen in der Regel über Listen, in denen die zugelassenen Psychotherapeut/innen der Region verzeichnet sind. Auch welche Therapieverfahren diese ausüben, kann auf diesem Weg in Erfahrung gebracht werden. Keine Auskunft können sie jedoch über freie Therapieplätze und die Wartezeiten geben.

In Bayern gibt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung eine »Koordinationsstelle Psychotherapie«.(Tel.0180 5809680). Dort haben die meisten Psychotherapeut/innen Spezialisierungen auf bestimmte Störungen, die Zahl der freien Therapieplätze sowie die Länge der Wartezeit gemeldet. Aussagen über die Qualität der Therapie werden jedoch nicht vorgenommen.

Im Branchenverzeichnis, unter dem Stichwort »Psychotherapie« werden überwiegend die psychologischen Psychotherapeut/innen (Dipl.-Psych.) aller Therapierichtungen genannt. In der Rubrik »Fachärzte« finden sich auch die Fachärzt/innen für Psychotherapie. Wichtig ist die Unterscheidung zur Berufsgruppe der Psychiater und Neurologen. Diese befassen sich hauptsächlich mit der medikamentösen Behandlung psychischer und neuronaler Erkrankungen. Sie sind von Fall zu Fall auch gleichzeitig Fachärzt/innen für Psychotherapie.

Im „Gesundheitswegweiser Region Bamberg“, der in allen öffentlichen Ämtern ausliegt, sind sämtliche psychologische und ärztliche Psychotherapeut/innen der zugelassenen Richtlinienverfahren aufgeführt.

Persönlich anrufen und sich erkundigen, wo die Wartezeiten am kürzesten sind oder wer am Telefon am sympathischsten klingt, könnte als erstes Auswahlkriterien ausreichen. Auf den Versuch kommt es an und auf den Eindruck nach dem ersten persönlichen Kontakt. Da keine fachliche Überweisung (außer wegen der Praxisgebühr) notwendig ist, braucht nur die Versicherungskarte vorgelegt zu werden.

Ein gutes Gelingen der Suche und eine erfolgreiche Therapie sei allen Nutzer/innen dieses Beratungsführers gewünscht.

Dipl.-Psych. Rosemarie Piontek

Literatur:

Rosemarie Piontek (2009). Mut zur Veränderung. Methoden und Möglichkeiten der Psychotherapie. Balance-Verlag. Bonn.